The Great Debate
Was war das?
Die Great Debate war eine Diskussion um die Grösse des Universums
zwischen Harlow Shapley und Heber D. Curtis, die im April 1920 auf Anregung
von George Ellery Hale während des Council Meetings of the National
Academy of Sciences abgehalten wurde.
Etwas ausführlicher:
Stand der Dinge 1920
Viele Beobachtungen und Überlegungen ergaben ein inkonsistentes Bild im
Vorfeld der Debatte. Einige der wesentlichen Punkte dabei waren:
- Immanel Kant stellte bereits im 17. Jhdt. die Hypothese der
Welteninseln auf. Zumindest einige der von Charles Messier,
William Herschel und anderen entdeckten wolkenartigen Objekten sollten
eigene Welten vergleichbar mit unserer Milchstrasse sein.
- William Herschel durchmustert von Bath (England) den nördlichen
Himmel nach Nebeln. Sein Sohn John tut das Gleiche von Kapstadt aus für
den Südhimmel. Die Ergebnisse dieser Durchmusterungen werden als
General Catalogue of Nebulae von John Herschel veröffentlicht.
- William Parsons entdeckt um 1845 bei einigen Nebeln eine
Spiralstruktur.
- John Dreyer veröffentlicht 1895 den New General Catalogue, kurz
NGC, als Erweiterung von John Herschels General Catalogue of Nebulae.
- Cornelius Easton skizziert 1900 ein Modell von der Milchstrasse,
das erstmals Spiralarme aufweist.
- Vesto Malvin Slipher misst die Sichtliniengeschwindigkeit von einigen
Spiralnebeln. Die meisten haben sehr grosse radiale Geschwindigkeiten
von der Grössenordnung 1000 km/s.
- Henrietta Leavitt findet 1912 eine Periode-Leuchtkraft-Beziehung
(PL-Relation) bei variablen Sternen in der Kleinen Magellanschen Wolke.
- Ejnar Hertzsprung identifiziert 1913 Leavitts variable Sterne
als Cepheiden und kalibriert deren Helligkeit.
- Adriaan van Maanen gibt 1916 bekannt, die Rotation von
Spiralnebeln gemessen zu haben.
- George Willis Ritchey entdeckt 1917 eine Nova in NGC 6946 (ein Spiralnebel)
- Harlow Shapley stellt 1918 sein neues Modell von der Milchstrasse
vor.
- Jacobus Cornelius Kapteyn stellt 1920 sein Modell des Universums bzw.
der Milchstrasse vor. Grundlage seines Modells waren statistische
Untersuchungen der Häufigkeiten von Sternen (Sternzählungen) und deren
Eigenbewegungen (Sterne mit grosser Eigenbewegung sind nah, auch wenn
sie leuchtschwach sind, Sterne mit kleiner Eigenbewegung fern, auch
wenn sie sehr hell sind). Absorption durch Staub und Gas war ihm nicht
bekannt und wurde nicht korrigiert. Die Kapteynsche Milchstrasse
hat einen Durchmesser von 10 kpc und eine Dicke von 24 pc. Die Sonne
steht im Zentrum des Systems.
Ein weiteres Problem stellte die Verteilung der NGC-Objekte am Himmel dar:
in der Milchstrassenebene, dem galaktischen Äquator, finden sich nur sehr
wenige dieser Objekte, und speziell wenige Spiralnebel (die meisten
NGC-Objekte in der Milchstrassenebene sind nahe Gasnebel wie der
Orionnebel). Karl Wilhelm Ludwig Charlier erstellte in den 1920ern eine Karte der
NGC-Objekte als Funktion der galaktischen Länge und Breite, wodurch das
Fehlen der Nebel, insbesondere eben der Spiralnebel, nahe des galaktischen
Äquators offensichtlich machte (die Tatsache war schon vor der Erstellung
dieser Karte bekannt).
Zusammenfassend liess sich die Frage formulieren:
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Warum vermeiden Nebel, Spiralnebel und Sternhaufen die Ebene der
Milchstrasse?
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Tatsächlich führte diese Frage nur auf eine ganze Sammlung von Fragen:
- Wie gross ist die Milchstrasse?
- Was ist die Natur der Spiralnebel?
- Wie weit sind die Spiralnebel entfernt?
- Bestehen die Spiralnebel aus Gas oder aus Sternen?
|
George Ellery Hale schlug 1919 vor, eine Debatte entweder zu diesem Thema,
der Welteninselnhypothese, oder zur allgemeinen Relativitätstheorie
während der nächsten Versammlung des Council der National Academy of
Sciences im April 1920 abzuhalten. Zur Finanzierung bot er Mittel aus einem
Fond seines Vaters William Hale an.
Sein Vorschlag stiess anfänglich nicht auf begeistertes Echo, wie die
Antwort des Sekretärs der National Academy of Sciences (NAS), Charles
Greeley Abbot, in einem Brief vom 3. Januar 1920 zeigt:
You mentioned the possibility of a sort of debate, either on the subject
of the island universe or relativity. From the way the English are rushing
relativity in Nature and elsewhere it looks as if the subject would be
done to death long before the meeting of the Academy, and perhaps your
first proposal to get Campbell and Shapley to discuss the island universe
would be more interesting. I have a sort of fear, however, that the
people care so little about island universe, notwithstanding their vast
extent, that unless the speakers took pains to make the subject very
engaging the thing would fall flat .... Are there no other subjects - the
cause of glacial periods, or some zoological or biological subject - which
might make an interesting debate?
...
As to relativity, I must confess that I would rather have a subject in
which there would be a half dozen members of the Academy competent enough
to understand at least a few words of what the speakers were saying if we
had a symposium upon it. I pray to God that the progress of science will
send relativity to some regions of space beyond the fourth dimension,
from whence it may never return to plague us.
|
Abbot war Sonnenphysiker.
Letztlich erklärte sich Abbot einverstanden mit Hales Vorschlag, und so
wurde eine Debatte angesetzt:
The distance scale of the universe
mit |
| Harlow Shapley, Mount Wilson |
| Heber Doust Curtis, Lick Observatory |
Die beiden vertraten jeweils unterschiedliche Modelle:
| Shapley | Curtis |
- verteidigt sein Modell der Milchstrasse, welches nach heutiger
Kenntnis vergleichsweise riesige Ausmasse hatte: Durchmesser der
Scheibe 100 kpc, mit Kugelsternhaufensystem 300 kpc;
- die Verwendung der Kugelsternhaufen (Shapleys clusters) zur
Bestimmung der Grösse und Form der Galaxis;
- die Hypothese, dass die Nebel interne Strukturen innerhalb der
Milchstrasse seien; Bestätigung dieser These durch van Maanens
Beobachtungen von der Rotation der Spiralnebel;
- das Sonnensystem kann nicht im Zentrum der Galaxis stehen, wenn
man die Form der Galaxies mit Hilfe der Kugelsternhaufen bestimmt.
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- verteidigt das Milchstrassenmodell von Kapteyn, welches ein
Grösse der Milchstrasse von 10 kpc angibt mit dem Sonnensystem nahe
dem Zentrum des Systems;
- die Welteninseln-Hypothese aufgrund
- der grossen Radialgeschwindigkeiten der Spiralnebel
(viel grösser als die von Sternen in der Milchstrasse),
- einer Nova in M31 (die zu schwach gewesen wäre, wenn sie
innerhalb der Milchstrasse stände),
- dunkle Bänder in Spiralnebeln, die von der Seite zu sehen
sind (die den Analogieschluss nahelegten, dass die Galaxis auch
ein solcher ist, was das Fehlen von NGC-Objekten in niedrigen
galaktischen Breiten erklären könnte).
|
In beiden Argumentationen gingen die Helligkeiten von Sternen ein. Shapley
verwendete sonnennahe Sterne als Standardkerzen. Dabei schlich sich
ein Fehler ein: er hielt die blauen Sterne (Sterne mit einem Farbindex <
0.0) für die gleiche Art wie in der Sonnenumgebung. Hier herrschen
allerdings massereiche Hauptreihensterne vor, während in den
Kugelsternhaufen Weisse Zwerge als blaue Sterne auftreten. Eine weitere
Annahme Shapleys erwies sich im nachhinein als falsch, dass nämlich
variablen Sterne in den Kugelsternhaufen Delta-Cepheiden seien, wie sich
auch in der Milchstrasse auftreten. Wie sich mit Walter Baades Entdeckung
verschiedener Sternpopulationen herausstellte, handelt sich jedoch um zwei
verschiedene Populationen. Die Cepheiden in der Milchstrasse sind
klassische Cepheiden, während die Cepheiden in den Haufen tatsächlich
leuchtschwächere W-Virginis Sterne sind. Dadurch überschätzte Shapley die
Entfernung zu den Kugelhaufen, so dass seine Milchstrasse etwa einen
Faktor 10 grösser ausfiel als Kapteyns Universum.
Curtis stützte sich in seiner Argumentation nicht auf alle vorkommenden
Sterne, sondern konzentrierte sich auf die häufigsten Typen, F bis K, und
konnte damit Kapteyns Werte von der Ausdehnung der Milchstrasse. Curtis
wies auch darauf hin, dass Shapley bei der Verwendung der Cepheiden eine
Auswahl getroffen hatte, in der er Sterne mit irregulären Lichtkurven oder
Perioden sowie mit zu grossen Eigenbewegungen ausgeschlossen hatte.
Die von Ritchey 1917 im Spiralnebel NGC 6946 entdeckte Nova stand im
Mittelpunkt einer weiteren Argumentationskette. Diese Nova erreichte nur
14.6 mag, war also viel schwächer als vergleichbare Novae in der
Milchstrasse. In der Folge untersuchte Ritchey alte Platten des Mount
Wilson Observatory und fand zwei weitere in M31. Nach Curtis Meinung
favorisiert die Entdeckung der Novae in diesen beiden Spiralnebeln deren
extragalaktische Natur. Nach Shapleys Meinung war das kein Argument, da
die Novae im Fall extragalaktischer Objekte lächerlich hell wären. Eine
Entscheidung in diesem Fall brachte erst nach der Debatte Lundmark, der 22
Novae in M31 untersucht hatte und dabei zwei Sorten von Novae fest
stellte: die klassischen (lower) Novae und die upper class Novae, die
heute als Supernovae bezeichnet werden und einen völlig anderen Mechanismus
haben. Mit seinen Daten für die Helligkeiten der lower und upper class
Novae von M = -4 bzw. -16 (im photographischen Band) erhielt Lundmark
einen Wert von 200 kpc, was schon ausserhalb von Shapleys Scheibe der
Milchstrasse lag.
Quellen:
Grundlage für diese Seite war ein Vortrag von Frank Thim mit dem Titel
Scale of the universe im Seminar des Astronomischen Instituts der Uni Basel
am 11. Mai 1999.
Literatur:
-
Shapley, H., Curtis, H.D. 1921: The scale of the universe, Bull. Nat. Research
Council of the Nat. Acad. of Sciences 2, 171
-
Curtis, H.D. 1919: Modern theories of spiral nebulae
-
Hubble, E. 1925: Cepheids in spiral nebulae, PASP 5, 261
-
Berendsen et al. 1976: Man discovers the galaxies
-
Shu, F. 1982: The physical universe, 286ff
-
Hoskin, M.: Cambridge illustrated history of astronomy
-
Hoskin, M. 1976: The `great debate´: What really happened, Journal
for the history of Astronomy 7.3, 169
-
Sandage, A. 1961: The Hubble atlas of galaxies
-
Trimble, V.: The 1920 Shapley-Curtis discussion, PASP 107, 1133
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1999-05-12, last update 2002-04-02