LISA: Hauptseite > Artikel > Geschichte > Great Debate

Glossar

Wörter-
buch

Artikel

Lernen

Bilder
&
Daten

Literatur
&
Links

Suchen

The Great Debate

Was war das?

Die Great Debate war eine Diskussion um die Grösse des Universums zwischen Harlow Shapley und Heber D. Curtis, die im April 1920 auf Anregung von George Ellery Hale während des Council Meetings of the National Academy of Sciences abgehalten wurde.

Etwas ausführlicher:

Stand der Dinge 1920

Viele Beobachtungen und Überlegungen ergaben ein inkonsistentes Bild im Vorfeld der Debatte. Einige der wesentlichen Punkte dabei waren: Ein weiteres Problem stellte die Verteilung der NGC-Objekte am Himmel dar: in der Milchstrassenebene, dem galaktischen Äquator, finden sich nur sehr wenige dieser Objekte, und speziell wenige Spiralnebel (die meisten NGC-Objekte in der Milchstrassenebene sind nahe Gasnebel wie der Orionnebel). Karl Wilhelm Ludwig Charlier erstellte in den 1920ern eine Karte der NGC-Objekte als Funktion der galaktischen Länge und Breite, wodurch das Fehlen der Nebel, insbesondere eben der Spiralnebel, nahe des galaktischen Äquators offensichtlich machte (die Tatsache war schon vor der Erstellung dieser Karte bekannt).

Zusammenfassend liess sich die Frage formulieren:

Warum vermeiden Nebel, Spiralnebel und Sternhaufen die Ebene der Milchstrasse?

Tatsächlich führte diese Frage nur auf eine ganze Sammlung von Fragen:

  • Wie gross ist die Milchstrasse?
  • Was ist die Natur der Spiralnebel?
  • Wie weit sind die Spiralnebel entfernt?
  • Bestehen die Spiralnebel aus Gas oder aus Sternen?

George Ellery Hale schlug 1919 vor, eine Debatte entweder zu diesem Thema, der Welteninselnhypothese, oder zur allgemeinen Relativitätstheorie während der nächsten Versammlung des Council der National Academy of Sciences im April 1920 abzuhalten. Zur Finanzierung bot er Mittel aus einem Fond seines Vaters William Hale an.
Sein Vorschlag stiess anfänglich nicht auf begeistertes Echo, wie die Antwort des Sekretärs der National Academy of Sciences (NAS), Charles Greeley Abbot, in einem Brief vom 3. Januar 1920 zeigt:

You mentioned the possibility of a sort of debate, either on the subject of the island universe or relativity. From the way the English are rushing relativity in Nature and elsewhere it looks as if the subject would be done to death long before the meeting of the Academy, and perhaps your first proposal to get Campbell and Shapley to discuss the island universe would be more interesting. I have a sort of fear, however, that the people care so little about island universe, notwithstanding their vast extent, that unless the speakers took pains to make the subject very engaging the thing would fall flat .... Are there no other subjects - the cause of glacial periods, or some zoological or biological subject - which might make an interesting debate?

...

As to relativity, I must confess that I would rather have a subject in which there would be a half dozen members of the Academy competent enough to understand at least a few words of what the speakers were saying if we had a symposium upon it. I pray to God that the progress of science will send relativity to some regions of space beyond the fourth dimension, from whence it may never return to plague us.

Abbot war Sonnenphysiker.

Letztlich erklärte sich Abbot einverstanden mit Hales Vorschlag, und so wurde eine Debatte angesetzt:


The distance scale of the universe


mit
Harlow Shapley, Mount Wilson
Heber Doust Curtis, Lick Observatory

Die beiden vertraten jeweils unterschiedliche Modelle:

ShapleyCurtis
  • verteidigt sein Modell der Milchstrasse, welches nach heutiger Kenntnis vergleichsweise riesige Ausmasse hatte: Durchmesser der Scheibe 100 kpc, mit Kugelsternhaufensystem 300 kpc;
  • die Verwendung der Kugelsternhaufen (Shapley’s clusters) zur Bestimmung der Grösse und Form der Galaxis;
  • die Hypothese, dass die Nebel interne Strukturen innerhalb der Milchstrasse seien; Bestätigung dieser These durch van Maanens Beobachtungen von der Rotation der Spiralnebel;
  • das Sonnensystem kann nicht im Zentrum der Galaxis stehen, wenn man die Form der Galaxies mit Hilfe der Kugelsternhaufen bestimmt.
  • verteidigt das Milchstrassenmodell von Kapteyn, welches ein Grösse der Milchstrasse von 10 kpc angibt mit dem Sonnensystem nahe dem Zentrum des Systems;
  • die Welteninseln-Hypothese aufgrund
    • der grossen Radialgeschwindigkeiten der Spiralnebel (viel grösser als die von Sternen in der Milchstrasse),
    • einer Nova in M31 (die zu schwach gewesen wäre, wenn sie innerhalb der Milchstrasse stände),
    • dunkle Bänder in Spiralnebeln, die von der Seite zu sehen sind (die den Analogieschluss nahelegten, dass die Galaxis auch ein solcher ist, was das Fehlen von NGC-Objekten in niedrigen galaktischen Breiten erklären könnte).

In beiden Argumentationen gingen die Helligkeiten von Sternen ein. Shapley verwendete sonnennahe Sterne als Standardkerzen. Dabei schlich sich ein Fehler ein: er hielt die blauen Sterne (Sterne mit einem Farbindex < 0.0) für die gleiche Art wie in der Sonnenumgebung. Hier herrschen allerdings massereiche Hauptreihensterne vor, während in den Kugelsternhaufen Weisse Zwerge als blaue Sterne auftreten. Eine weitere Annahme Shapleys erwies sich im nachhinein als falsch, dass nämlich variablen Sterne in den Kugelsternhaufen Delta-Cepheiden seien, wie sich auch in der Milchstrasse auftreten. Wie sich mit Walter Baades Entdeckung verschiedener Sternpopulationen herausstellte, handelt sich jedoch um zwei verschiedene Populationen. Die Cepheiden in der Milchstrasse sind klassische Cepheiden, während die “Cepheiden” in den Haufen tatsächlich leuchtschwächere W-Virginis Sterne sind. Dadurch überschätzte Shapley die Entfernung zu den Kugelhaufen, so dass seine Milchstrasse etwa einen Faktor 10 grösser ausfiel als Kapteyns Universum.

Curtis stützte sich in seiner Argumentation nicht auf alle vorkommenden Sterne, sondern konzentrierte sich auf die häufigsten Typen, F bis K, und konnte damit Kapteyns Werte von der Ausdehnung der Milchstrasse. Curtis wies auch darauf hin, dass Shapley bei der Verwendung der Cepheiden eine Auswahl getroffen hatte, in der er Sterne mit irregulären Lichtkurven oder Perioden sowie mit zu grossen Eigenbewegungen ausgeschlossen hatte.

Die von Ritchey 1917 im Spiralnebel NGC 6946 entdeckte Nova stand im Mittelpunkt einer weiteren Argumentationskette. Diese Nova erreichte nur 14.6 mag, war also viel schwächer als vergleichbare Novae in der Milchstrasse. In der Folge untersuchte Ritchey alte Platten des Mount Wilson Observatory und fand zwei weitere in M31. Nach Curtis Meinung favorisiert die Entdeckung der Novae in diesen beiden Spiralnebeln deren extragalaktische Natur. Nach Shapleys Meinung war das kein Argument, da die Novae im Fall extragalaktischer Objekte “lächerlich” hell wären. Eine Entscheidung in diesem Fall brachte erst nach der Debatte Lundmark, der 22 Novae in M31 untersucht hatte und dabei zwei Sorten von Novae fest stellte: die klassischen (lower) Novae und die “upper” class Novae, die heute als Supernovae bezeichnet werden und einen völlig anderen Mechanismus haben. Mit seinen Daten für die Helligkeiten der lower und upper class Novae von M = -4 bzw. -16 (im photographischen Band) erhielt Lundmark einen Wert von 200 kpc, was schon ausserhalb von Shapleys Scheibe der Milchstrasse lag.


Quellen:

Grundlage für diese Seite war ein Vortrag von Frank Thim mit dem Titel Scale of the universe im Seminar des Astronomischen Instituts der Uni Basel am 11. Mai 1999.

Literatur:


email: webmaster started 1999-05-12, last update 2002-04-02