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Physik

Allgemeines

Die moderne Astronomie bedient sich manigfacher Disziplinen der Physik, und auch der Mathematik und der Statistik. Aus diesem Grund hat auch die Unterscheidung von Astronomie und Astrophysik ihre Bedeutung verloren, zumal bei den jüngeren Vertretern dieses Faches, die fast ausschliesslich über ein Physik- oder Mathematikstudium in die Astronomie gekommen sind, und kein eigentliches Astronomiestudium mehr absolviert haben.

Auf dem Weg zur Mechanik

Wohl die älteste Disziplin ist die Messung von Positionen von Himmelsobjekten. Die Werkzeuge dazu stellt die Geometrie zur Verfügung. In den meisten Fällen geht es um die Messung von Winkeln. Bis zur Erfindung des Fernrohrs waren Genauigkeiten bis zu 1 Bogenminute möglich, und begnadete Beobachter wie Tycho Brahe erreichten diese theoretische Grenze.

Mit den beobachteten Positionen kann man Umlaufperioden bestimmen. Diese Kunst beherrschten bereits die Babylonier, die z.B. die Umlaufzeit des Mondes auf einige Stellen hinter dem Komma kannten.
Der nächste Schritt ist die Rekonstruktion der Bahnen, oder Orbits, der Himmelskörper. Da die Sterne sehr weit weg sind im Vergleich zu den Planeten, Sonne und Mond, wurden naturgemäss diese leichter zugänglichen Objekte als erstes angegangen. Bereits in der Antike wurden Modelle konstruiert, die zum Teil sehr kompliziert waren (Kristallosphären). Alle diese Modelle hielten an Kreisbahnen für die Planeten fest, und die meisten setzten die Erde anstelle der Sonne in den Mittelpunkt der Welt. Aus diesen Gründen waren diese komplizierten Modellwelten nötig.
Erst in der Renaissance schaffte Johannes Kepler die Lösung des Problems der Planetenbahnen (um 1600), nachdem Nikolaus Kopernikus das heliozentrische Weltbild in seiner erst nach seinem Tod (aus Angst vor der Kirche) erschienenen Buch De revolutionibus orbium coelaestium etabliert hatte. Keplers Trick bestand darin, dass er das Festhalten an Kreisbahnen aufgab und Ellipsen als Planetenbahnen zuliess. Somit liess sich ein Weltbild ohne Hilfskonstruktionen wie Epizyklen errichten.
In der Folge konnte der geniale Isaac Newton die heute als Newtonsche Gesetze bekannten Grundgleichungen der Gravitation formulieren (zweite Hälfte des 17. Jhd.), wobei die von Newton und Leibniz entwickelte Infinitesimalrechnung Entscheidendes beitrug. Diese Gesetze wurden erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch die Spezielle (1905) und die Allgemeine Relativitätstheorie (1916) (vor allem durch Albert Einstein) erweitert; sie sind heute noch im sogenannten nichtrelativistischen Grenzfall (kleine Geschwindigkeiten und kleine Massen) in regem Gebrauch. Die Newtonschen Gesetze begründen die Klassische Mechanik. Diese wurde vor allem im 19. Jahrhundert um einen mächtigen mathematischen Apparat erweitert, vor allem durch d’Alembert, Lagrange, Hamilton und Jacobi.

Heute spielt die Mechanik in der klassischen Form eine Rolle im Sonnensystem bei der Bestimmung von Bahnen von Planeten, Planetoiden, Kometen und bei künstlichen Sonden und in der Untersuchung der Dynamik der Sterne in der Sonnenumgebung, der Galaxis, in Sternhaufen und in Galaxien sowie in der Dynamik von Galaxiengruppen und Galaxienhaufen. In vielen Fällen werden Simulationsrechnungen basierend auf den Gesetzen der klassischen Mechanik zur Untersuchung der Abläufe in den obengenannten Systemen durchgeführt.
Die relativistische Mechanik spielt eine Rolle beim Studium der Dynamik um kompakte Objekte wie Neutronensterne und Schwarze Löcher, aber auch schon bei Präzisionsmessungen etwa der Merkurbahn, dessen Periheldrehung ein relativistischer Effekt ist.

Vom Licht

Die Mechanik, ob klassisch oder relativistisch, ist nur ein Teil der Physik, der in der Astronomie Anwendung findet. Praktisch alles, was in der Astronomie untersucht werden kann, ist aufgrund der ausgesendeten elektromagnetischen Strahlung detektierbar. Das sichtbare Licht ist nur ein kleiner Teilbereich des gesamten Spektrums elektromagnetischer Strahlung vom langwelligen Radio über Mikrowellen, Infrarot, sichtbares Licht, Ultraviolett, Röntgen- und Gammastrahlung. Von den Anfängen her: Bis 1608, als Hans Lippershey in Holland das Fernrohr erfand, konnten astronomische Objekte nur mit dem blossen Auge beobachtet werden. Damit sind neben Sonne, Mond, Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn und gelegentlich Kometen etwa 6000 Sterne für den Beobachter zugänglich. In guter Lage sind mit blossem Auge auch nebelige Fleckchen wie der Orion- und Andromedanebel wahrnehmbar, aber ich bezweifle, dass man jene als nebelig wahrnimmt, wenn man es nicht weiss. Mit der Erfindung des Fernrohr vervielfachten sich die Beobachtungen von vorher ungesehenen Dingen: die Strukur der Oberfläche des Mondes, die Venusphasen, die Jupitermonde und die Auflösung von Teilen des Milchstrassenbandes gehören zu den bekanntesten Ergebnissen von Galileo Galileis und anderer Beobachtungen in der Frühphase der “Teleskopie”. William Herschel ist der grosse Name um die Wende des 18. zum 19. Jahrhunderts, der die Beobachtungstechnik mit seinen grossen Spiegelteleskopen revolutionierte, und neben der Uranusentdeckung die Planetarischen Nebel, Doppelsterne und die Grundlage für den New Catalogue of Clouds (NGC, von Dreyer) gelegt hat. Bis anhin wurden Teleskop zur Verbesserung der räumlichen Auflösung und als “Lichtsammeltüten” verwendet. Die zugrundeliegende Physik ist die geometrische Optik.

Bereits Williams Sohn John Herschel experimentierte mit der noch ganz jungen Fotografie, mit der nachfolgend quantitative Lichtmessungen möglich wurden. Bislang wurden die Helligkeiten der Sterne nach der noch aus dem antiken Griechenland stammenden subjektiven Magnitudenskala gemessen (von 1 = sehr hell bis 6 = mit blossem Auge gerade noch sichtbar). Die Fotografie stellte also ein quantitatives Messsystem für Helligkeiten zur Verfügung.

Ebenfalls in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts experimentierte der begnadete Optiker Joseph Fraunhofer mit optischen Elementen wie Prismen. Mit einem Prisma kann, wie auch mit einem Gitter, Licht in seine (farblichen) Komponenten zerlegt werden. Diese Technik nennt man Spektroskopie. Fraunhofer fand im Spektrum der Sonne dunkle Linien, die er der Reihe nach mit Buchstaben benannte. Die heute noch oft genannten Calcium H und K Linien haben ihren Namen von dieser Einteilung.

zur Elektrodynamik

Newton und Huygens stritten sich über die Natur des Lichts, ob Teilchen (Newton) oder Welle (Huygens). Heute beschreibt man Licht über den Welle-Teilchen-Dualismus, da sich Licht wie in bestimmten Fällen wie Teilchen (z.B. beim Comptoneffekt), in anderen wie eine Welle (z.B. Beugung, Interferenz) verhalten kann.

Die vollständige Beschreibung des Lichts als elektromagnetische Welle genügt den Maxwellschen Gleichungen, die von James Clark Maxwell bereits in den sechziger (?) des neunzehnten Jahrhunderts, also noch vor der Relativitätstheorie, aufgestellt hat. Diese vier gekoppelten Gleichungen sind relativistisch invariant, das heisst, sie mussten nicht wie die Gesetze der klassischen Mechanik generalisiert werden. Diese Gleichungen beschreiben Licht als sich ausbreitendes Wechselfeld mit einer elektrischen und einer magnetischen Feldkomponente, die immer senkrecht zueinander stehen. Damit reicht die Angabe der Raumorientierung einer Komponente aus, in der Regel verwendet man die elektrische und nennt sie Lichtvektor. Licht kann polarisert sein, das bedeutet, dass die Lichtvektoren entweder alle in einer Richtung schwingen (lineare Polarisation; das ist bei Lasern und Masern der Fall), oder sich gleich senkrecht zur Ausbreitungsrichtung des Lichtwellenzuges drehen (zirkulare Polarisation). Mit Polarimetern kann man die Polarisierung des Lichts von einzelnen Quellen (Sternen, Teilen der Sonnenoberfläche, Teilen von Galaxien, Gaswolken etc.) messen und damit physikalische Information über Entstehungsmechanismen und Umgebungsverhältnisse gewinnen.

und zur Atomphysik

Die Natur der dunklen Linien im Spektrum konnte geklärt werden, nachdem es Bunsen und Kirchhoff gelungen war, die Verbindung von chemischen Elementen und spektroskopischen Linien herzustellen. Als Konsequenz konnte man mit spektrografischen Untersuchungen die chemische Zusammensetzung von Sternen untersuchen, was der sogenannten Spektralklassifikation von Sternen den Weg bereitete. In Verbindung mit der von Beginn des 20. Jahrhunderts (genau 1900, Max Planck) entwickelten Quantenmechanik konnte der Zusammenhang zwischen Vorgängen in den Elektronenhüllen der Atome und dem Leuchten der Sterne hergestellt werden. Als Nebenprodukt erlaubten die neu gewonnen Erkenntnisse auch die quantitative Analyse der chemischen Zusammensetzung astronomischer Objekte, mit dem Ergebnis, dass das vorherrschende Element im Kosmos der einfache Wasserstoff ist. Das meiste Licht, das im sichtbaren Bereich des elektromagnetischen Spektrums erzeugt wird, stammt aus Prozessen in der Hüllen von Atomen. Zu längeren Wellenlängen hin stammt ein grosser Teil auch von Molekülen. Zu kürzeren Wellenlängen hin kommen allerdings andere Erzeugungsmechanismen ins Spiel.

Kernphysik

Nicht die Enstehung von elektromagnetischer Strahlung mit extrem kurzen Wellenlängen war der Treiber für die Astronuklearphysik, sondern vor allem das Problem der Energiequelle von Sternen. Da Sterne bekanntlich recht lange leuchten, konnte die Energiequelle dieser Gebilde keine bekannte Quelle sein (wie chemische Verbrennungsprozesse, gravitative Kontraktion). Mosaiksteine zum Verständnis waren die Entdeckung der radioaktiven Strahlung, vor allem durch die Curies und Bequerel und später die Entdeckung des Neutrons durch Chadwick (1932) sowie die der Kernspaltung durch Hahn und Meissner (1938). Als erstes wurde die Proton-Proton-Kette als Energieerzeugungsmechanismus gefunden, nachdem dem der Gamov-Peak entdeckt worden war (der Gamov-Peak ist die erhöhte Reaktionswahrscheinlichkeit von zwei Protonen zu einen Proton-Neutronpaar aufgrund des Tunneleffekts: die im Kern von Sternen vorherrschenden Temperaturen von mehr als 10 Millionen Kelvin alleine reichen nicht aus, um Protonen mit ausreichender Rate zur Fusion zu bewegen. Erst der quantenmechanische Tunneleffekt erlaubt ausreichend vielen Protonenpaaren, die sogenannten Coulombbarriere zu überwinden und unter Umwandlung des einen Protons in ein Neutron zu verschmelzen.). Von Hans Bethe und Carl Friedrich von Weizsäcker wurde der sogenannten CNO-Zyklus beschrieben, bei dem Kohlenstoff (C), Stickstoff (N) und Sauerstoff (O) die Rolle eines nuklearen Katalysators einnehmen, wodurch der Fusionsprozess von Wasserstoff zu Helium deutlich beschleunigt wird. Vom heutigen Wissen aus ist der CNO-Zyklus, der manchmal auch als Bethe-Weizsäcker-Zyklus genannt wird, vor allem bei Sternen mit mehr als einer Sonnenmasse dominant, während die p-p-Kette bei massearmen Sterne der wichtige Energieerzeugungsprozess ist.

Teilchenphysik

Zum Testen der Modelle von Sternen samt ihrer Energieerzeugungsmechanismen kommt die Teilchenphysik ins Spiel. Bei den p-p- und dem CNO-Ketten werden Teilchen namens Neutrinos gebildet. Diese Teilchen haben allerdings kaum Wechselwirkung mit “gewöhnlicher ” Materie und sind somit nur schwer nachweisbar. Jedoch, es ist möglich, diese Teilchen mit Anlagen wie in der Homestakemiene, GALLEX oder Super Kamiokande nachzuweisen. Und diese Experimente haben im Wesentlichen die Modelle von Sternaufbau bestätigt. Im Wesentlichen heisst nicht ganz, und das fehlende Bisschen ist immer noch Gegenstand intensiver Forschung über die wahre Natur der Neutrinos.

Andere Objekte wie Neutronensterne erlauben Untersuchungen von Kernmaterie, die irdischen Labors nicht zugänglich sind. Beispielsweise ist hier die Frage interessant, ob auch andere Sorten von Hadronen als Baryonen (das sind die Protonen und Neutronen, aus welchen die Atomkerne aufgebaut sind, die die Grundbausteine von so ziemlich allem sind, was uns umgibt), vorkommen, und in welcher Form. Oder ob das “Confinement”, das die Konstituenten der Hadronen, die Quarks, in ihren jeweiligen Teilchen zusammenhält, in einigen Bereichen aufgehoben werden kann.
Die kosmische Strahlung liefert ein ansehnliches Repertoire an exotischen Teilchen, die zum Teil zu ihren Quellen zurückverfolgt werden können. Kerne von aktiven Galaxien sind eine Möglichkeit solcher Quellen, und sie bieten noch viele Facetten interessanter physikalischer Probleme.

Das frühe Universum ist eine für Teilchenphysiker besonders interessante Phase. In den ersten Sekundenbruchteilen nach dem Urknall kondensierten Elementarteilchen und formten daraufhin in der Phase der primordialen Nukleosynthese die chemischen Elemente, vor allem Wasserstoff und Helium.

Thermodynamik und Statistische Physik

Thermodynamik spielt eine grosse Rolle in der Physik der Sterne. Die Sternaufbaugleichungen können mit Hilfe der Gesetze der Thermodynamik formuliert werden. Desweiteren kommt die Thermodynamik bei Akkretionsscheiben und Schwarzen Löchern ins Spiel, nebst einer Reihe anderer Objekte.

Die statistische Physik kommt bei Vielteilchenproblemen zum Zug. Sternhaufen und Galaxien bieten genau solche an.

Hydrodynamik

Zwar wurde die Hydrodynamik als die Dynamik von Wasser, und allgemeiner von Flüssigkeiten entwickelt, und davon hat man in astromischen Objekten wie Sternen oder Galaxien sehr wenig, aber die darin entwickelten Methoden lassen sich sehr gut auf diese Klassen von Objekten anwenden. Die Hydrodynamik erlaubt eben auch eine gute Beschreibung vom Verhalten von Gasen (unter gewissen Bedingungen). Bedeutung hat die Hydrodynamik vor allem in der Stellarphysik, der astronomischen Disziplin von Sternaufbau und Sternentwicklung, bei Strömungsphänomenen wie Jets und Akkretion(sscheiben), bei der Simulation von Gas- und Molekülwolken sowie bei der Simulation von Galaxien.

Ein spezieller Zweig der Hydrodynamik ist die Magnetohydrodynamik, die das Verhalten von Flüssigkeiten und Gasen (die elektrisch geladen (ionisiert) sein müssen) in (elektrischen und) magnetischen Feldern beschreibt. Dieser Zweig spielt eine grosse Rolle bei der Sternentstehung, bei Akkretionsscheiben und Jets, sowie bei der Stabilisierung und dem Kollaps von Gas- und Molekülwolken. Sie gilt im allgemeinen als relativ schwierig wegen der zu lösenden gekoppelten Differentialgleichungssysteme.

Computational Physics

Dieser Zweig der Physik ist noch sehr jung, und passt nicht in das klassische Schema der physikalischen Disziplinen. In der Astrophysik gibt es eine Reihe von Anwendungsmöglichkeiten, die vor allem in Computersimulationen erforschbar sind, so Simulationen der Strukturbildung im Universum, der Bildung und Entwicklung von Galaxien, dem Verhalten von Galaxien in Gruppen und Haufen und von Verschmelzungsvorgängen, dynamische Vorgänge in Kugelsternhaufen, Sternkollisionen, Akkretionsscheiben, Sternentwicklung, das chaotische Planetensystem, um nur einige zu nennen.

Angewandte Physik

Als Nebeneffekt kommen einige Disziplinen der angewandten Physik, vor allem im Bereich der Beobachtungstechnik, im Zusammenhang mit der Astronomie vor. So die Physik von Werkstoffen (Spiegelkörper), adaptive und aktive Optik, CCD-Kameras etc.

email: webmaster started 2000-08-29, last update 2002-04-02